Mannheim

Gespräch mit Prof. Dennis Kuhn von der MuHo Mannheim
 
Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim
 
Dennis Kuhn
 

Prof. Dennis Kuhn
 
Die Schlagzeugklasse der Hochschule für Musik in Mannheim ist bekannt in der Jazz Szene, aber klassische Percussion ist bei Euch ja sehr lebendig! Man hört immer von den Events, die regelmäßig passieren. Seit wann arbeitest Du als Professor?
Seit 1995. Bis dahin war ich 15 Jahre stellvertretender Solopauker und Schlagzeuger im Orchester des Nationaltheaters Mannheim. Ja, die Jazz-Szene ist lebendig, jedoch sind die Aktivitäten im Klassik-Bereich noch um einiges größer.
 
Wie viele Räume hat die Schlagzeugklasse zur Verfügung?
Wir haben insgesamt 8 Räume. Die Größen variieren von 12qm bis 80 qm.
 
Da Du selbst als Komponist, Spieler und Arrangeur sehr aktiv bist nehme ich an, dass Du nicht allein unterrichtest. Wer ist noch da in der Schlagzeugklasse und wie teilt Ihr Euch die Arbeit oder die Gebiete?
Ich unterrichte allein; jeden Studiengang, inklusive Schulmusik, Methodik, Didaktik und auch alle Instrumente und Richtungen. Leider gibt es (in Mannheim) kein Geld für einen Lehrauftrag. Zusätzlich leite ich das Mannheimer Schlagwerk, welches aus Absolventen und Studierenden meiner Klasse besteht. Ab und zu laden wir jemanden für einen Kurs oder Workshop ein.
 
Was kann man in Mannheim studieren, wo liegen die Schwerpunkte?
Diplom Künstlerische Ausbildung (DK)
Musiklehrer (ML)
Schulmusik (SM)
Zusatzstudium Orchestersolist (ZS)
Solistische Ausbildung (SO)
 
Da ich, wie schon erwähnt, lange als Orchestermusiker gearbeitet habe, und dabei fast das komplette Opern-, aber auch Konzertrepertoire, sowohl als Pauker wie Schlagzeuger, kennen lernen konnte, liegt mein Schwerpunkt bei DK, also der Ausbildung in Richtung Orchestermusik. So sind Solopauker- und Schlagzeugstellen von Absolventen meiner Klasse besetzt, z.B. Deutsche Oper Berlin, SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Odense Sinfonie Orchester (Dänemark), Niedersächsische Staatsoper Hannover, Sinfonieorchester Wuppertal.
 
Der zweite Schwerpunkt ist die Ausbildung zum Musiklehrer. Auch da sind etliche Absolventen unserer Hochschule sehr erfolgreich tätig und lehren an vielen deutschen Musikschulen.
 
Meine eigene Musik-Ausbildung an der Musikhochschule in Basel war neben dem Studium zum Orchestermusiker sehr stark von zeitgenössischer Musik geprägt. An dieser Hochschule wird diese Gattung genau so gepflegt wie die traditionelle Musik. Es waren ständig Komponisten und Interpreten da, deren Musik wir mit ihnen erarbeiten konnten. Unter anderen waren dies: Pierre Boulez, Vinko Globokar, Luciano Berio, Earl Brown u.v.a. So ist es für mich nur natürlich, dass die Arbeit mit zeitgenössischer Ensemble- und Kammermusik selbstverständlich und enorm wichtig ist.
 
Das Hochschulorchester erarbeitet regelmäßig Konzert- und Opernliteratur. Gespielt wird neben Frühklassik und Moderne vorwiegend das klassisch-romantische Orchesterrepertoire. Konzerte finden in und außerhalb Mannheims statt. Außerdem werden Opern einstudiert und in den umliegenden Opernhäusern aufgeführt. Tourneen mit Werken wie "Sacre du Printemps" oder "Also sprach Zarathustra" gingen nach Seoul, New York (Carnegie Hall) und New Haven (Yale University, USA).
Was ich noch erwähnen möchte, ist unser Zusatzstudium "Orchestersolist". Es handelt sich dabei um einen in Deutschland wohl einzigartigen Studiengang. Das außergewöhnliche Merkmal an diesem Zusatzstudium ist, dass man Schwerpunkte wählen kann: "Pauke allein", "Schlagzeug allein" oder "Pauke und Schlagzeug". Die Aufnahmeprüfung ist dabei für alle gleich. Die Prüfungen sind dann während des Studiums jedoch nur im gewählten Schwerpunkt zu machen.
Wer also z.B schon eine Stelle hat, sich aber noch in die eine oder andere Richtung verbessern/spezialisieren, oder für noch kommende Probespiele gecoacht werden möchte, ist der Studiengang ideal. Besonders aber auch für diejenigen, welche sich bereits für Pauke oder Schlagzeug spezialisiert haben, oder eben ihr "Manko" auf dem "anderen" Instrument verbessern möchten. Weiter Informationen über Anforderungen und Aufnahmeprüfungsprogramm sind auf unserer Webpage unserer Musikhochschule zu finden (www.muho-mannheim.de).
 
Wie groß ist das Instrumentarium, was steht den Studenten zur Verfügung?
Alles aufzuzählen ist unmöglich. Hier jedoch eine Liste der wichtigsten Instrumente:
 
Pauken:
5-er Satz Hardtke (Ringer) Naturfell
5-er Satz Dörfler (Ringer) Naturfell
5-er Satz Ludwig (Ringer) Renaissance
5-er Satz Ludwig Professional Renaissance
2-er Satz Adams Renaissance
2-er Satz Dresdner (Pedal) Naturfell
2-er Satz Dresdner (Kurbel) Naturfell
2-er Satz Ludwig Professional Renaissance
2-er Satz Premier Renaissance
 
Snare Drums:
2 Bison Symphonic
1 Bison Vulcano
8 Sonor Snare Drums
3 Sonor Rührtr. H.Link Sig.
3 Ludwig
1 Yamaha
1 Kolberg Piccolo
 
3 Grosse Trommeln von Lefima und Kolberg
mehrere Bongos, Congas, Djembes
8 Yamaha Konzert-Tomtoms (1 Fell)
11 Yamaha Tomtoms (Doppelfell)
 
diverse Becken (ca 30) Zildjian, Paiste, Anatolian, Sabien, Chinas (a2, Einzel, HiHat)
Burma-Gongs chromatisch, 7 Paiste Gongs, 3 Wuhan Tamtams, 1 Paiste Tamtam
Kolberg Röhrenglockenspiel, 3 Oktaven Plattenglocken, 1 Oktave Crotales
 
7 Xylophone:
3 Studio 49
2 Concorde
1 Premier
1 Musser
 
6 Marimbas:
1x 5 Okt. Yamaha 5100A
1x 5 Okt. Bergerault
2 x Corogi (F-c4)
1x Concorde (A-c4)
1x Bergerault Bassmarimba (C-f)
 
4 Vibraphone:
3x Musser
1x Studio 49
 
3 Glockenspiele Studio 49
1 Steeldrum (c-e3)
 
2 Drumsets (Sonor)
 
Umfassende Auswahl an Kleininstrumenten, übliches und unübliches. Grosses Kolberg Ständerprogramm. Sehr umfangreiche Auswahl an Schlägeln.
 
Arbeitet Ihr mit anderen Instrumentalisten zusammen? Gibt es viel Austausch mit anderen Klassen, z. B. Cello, Saxophon oder Klavier?
Da wir selten reine Schlagzeugprojekte machen, ist die Zusammenarbeit mit anderen Instrumenten ganz normal. Hervorragend ist auch die Kooperation mit der Jazzabteilung. So können wir bei Crossover-Projekten mit sehr gut ausgebildeten Jazz- und Popmusiker zusammenarbeiten.
 
Hast Du Studenten aus dem Ausland?
Ja, bis jetzt waren es folgende Länder: Polen, Bulgarien, Russland, Korea, Ungarn, Italien.
 
Hat die Hochschule in Mannheim eine Partnerschaft mit einer anderen Hochschule im Ausland?
In erster Linie sind hier Yale University (USA) und Seoul National University (Süd-Korea) zu nennen. Darüber hinaus bestehen zu zahlreichen Hochschulen Erasmus-Partnerschaften, z. B. der Accademia del Teatro alla Scala, Milano (Italien). Die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim beteiligt sich auch an dem Projekt der gemeinsamen "summer school" mit den neun chinesischen Musikhochschulen. Daneben bestehen noch weitere Partnerschaften zu Hochschulen außerhalb Europas, im Bereich Jazz / Popularmusik vor allem zu Hochschulen in Südamerika.
 
Ist das Studium an der HfM in Mannheim kostenpflichtig? Gibt es Möglichkeiten ein Stipendium zu bekommen?
Bis jetzt nicht, jedoch ab Sommersemester 2007 sind 500 EUR/Semester fällig.
Es gibt einige Möglichkeiten ein Stipendium zu erhalten. In regelmäßigem Zyklus werden in unserer Hochschule Vorspiele abgehalten. In Mannheim ansässige Firmen und Vereine bieten 1- oder 2-jahres Stipendien an. Auch Studenten meiner Klasse haben bei Vorspielen solche Stipendien gewonnen.
 
Jetzt habe ich gerade über den wiederholten Erfolg Deiner Klasse bei der "Orchester-Akademie-Rhein-Neckar" gehört. Könntest Du mir bitte etwas Genaues darüber erzählen?
Die Orchesterakademie Rhein-Neckar ist ein Gemeinschaftsprojekt der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester, dem Nationaltheater Mannheim, der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und dem Theater und Philharmonischen Orchester der Stadt Heidelberg mit finanzieller Unterstützung der BASF AG. Ziel der Orchesterakademie Rhein-Neckar (OARN) ist die Förderung des professionellen künstlerischen Nachwuchses im Bereich der Orchesterinstrumente und die Erleichterung des Übergangs vom Studium in den Beruf.
10 Stipendiaten / -innen werden in einer / einem gemeinschaftlichen Aufnahmeprüfung / Probespiel ausgewählt. Sie werden an der Hochschule im Studiengang Zusatzstudium, Studienrichtung "Orchestersolist" eingeschrieben. Dieses schwerpunktmäßig praxisorientierte Studienangebot sieht verpflichtend die regelmäßige Mitwirkung in professionellen Orchestern vor (ca. 120 Dienste, maximal 160 Dienste im Jahr). In der Regel wird eine möglichst gleichmäßige Aufteilung der Dienste auf die vier beteiligten Orchester mit ihren unterschiedlichen Profilen angestrebt.
Bei der ersten Auswahl für 2005/06 waren es 6 Streicher, 3 Bläser und ein Schlagzeuger. Beim zweiten Jahrgang 9 Bläser und ein Schlagzeuger. Beide Schlagzeuger sind aus meiner Klasse. Ich hoffe sehr, dass sich in Zukunft mehr Schlagzeuger von anderen Hochschulen bewerben. Ich kenne keine andere Orchesterakademie, in der man die Gelegenheit bekommt, während einer Spielzeit in vier verschiedenen Orchestern spielen zu dürfen. Dazu ist es sogar möglich, je nach Befähigung des Stipendiaten, dass man zu höchst verantwortungsvollen Partien eingeteilt wird. So gab es bereits die Gelegenheit bei Bolero und Scheherezade die Kleine Trommel im Konzert oder die Pauken in einer Oper zu spielen.
 
Was mich noch interessiert sind die Schlagzeugnächte, die Du ins Leben gerufen hast. Wie oft finden sie statt? Was sind Deine Kriterien für die Künstlerauswahl?
2006 fand die vorerst letzte Mannheimer Schlagzeugnacht statt. Es war die zehnte, die erste fand 1995 statt, und wir haben dabei natürlich ein kleines Jubiläum gefeiert. Ich habe in den zehn Veranstaltungen versucht, dem Publikum und meinen Studenten die vielfältige Welt des Schlagzeugs näher zu bringen, und zwar in allen Facetten. Dabei habe ich immer ein Konzept verfolgt, z.B. Schwerpunkt zeitgenössische Musik, afrikanische Wurzeln, asiatische Einflüsse, amerikanische Komponisten, etc. Daraus ergaben sich die Kriterien für die Programmgestaltung und der Künstlerauswahl.
Es gab meistens drei Teile: Die Nacht wurde im ersten Teil vorwiegend mit mir und dem Mannheimer Schlagwerk mit Schlagzeugensemblemusik eröffnet. Dann waren im zweiten Teil Gäste mit ihren Programmen zu erleben, wie z.B. der leider viel zu früh verstorbene Edgar Guggeis - er starb 3 Monate nach seinem meisterhaften Schlagzeugnacht-Auftritt, oder der unbeschreiblich virtuose Tablaspieler Uri Mazumdar im Duo mit Michael Küttner, der Percussionist Nippy Noya, ein 23-köpfiges Gamelan-Ensemble, und und und. Im dritten Teil traten dann meistens Formationen der Jazzabteilung auf, die die Nacht teils jazzig oder rockig, teils groovig, meistens unter der Leitung von José Cortijo und/oder Michael Küttner beendeten. Ich werde mich in Zukunft anstelle der doch sehr spezifisch auf Percussion gerichteten Schlagzeugnächte in einer neuen Reihe für zeitgenössische Musik an ungewöhnlichen Orten engagieren.
 
Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Dir die Daumen zu drücken für die vielseitigen Aktivitäten und mich für das Gespräch zu bedanken.
 
Ein Gespräch von Katarzyna Mycka und Prof. Dennis Kuhn